Feminismus nervt?

Da die Gesellschaft wie die Menschen in ihr stets unvollkommen ist, wird es immer Aspekte geben, die verbessert werden können. Verbessern bedeutet mehr Gut machen. Es stellt sich dementsprechend die Frage was Gut ist – und was Schlecht. Ich denke das Beantworten dieser Frage ist äußerst Komplex und würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Viel einfacher für den Menschen einzuschätzen ist Gerechtigkeit. Schon ein kleines Kind kann erkennen, wenn sein Geschwisterchen ein größeres Stück Kuchen bekommt als es selbst. Kommt es zu Ungerechtigkeit im großen Maße, ist diese meist zulasten einer gewissen Personengruppe. Um diese erfolgreich zu bekämpfen, braucht es meist einer Bewegung, am besten einer gewaltfreien.

Wie der Titel schon verrät, wird die Personengruppe, um die es in diesem Artikel gehen wird, die der Frauen sein, und die Bewegung der sogenannte Feminismus. Es soll jedoch keine Tirade gegen ungerechte Männer werden. Ich möchte aufzeigen, was ich unter Feminismus verstehe, und warum ich ihn als wichtig empfinde. Und dann möchte ich die Probleme, die er mit sich bringt erörtern.

Der Feminismus wird im Duden als eine Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z.B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt definiert. Ein Patriarchat ist eine Gesellschaftsordnung, bei der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat. Diese Gesellschaftsordnung bestand sehr lange in Europa, und so ist es nicht verwunderlich, wenn noch einige Überbleibsel davon existieren. Und vielleicht hatte sie zu irgendeinem Zeitpunkt sogar ihre Daseinsberechtigung, wer weiß, vielleicht war das Patriarchat einmal der bestmögliche Zustand. Und ungleich muss nicht gleich ungerecht bedeuten. Doch die Zeiten ändern sich, wie man so schön sagt. Und sie haben sich schon verändert. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Anfänge des Feminismus wie wir ihn heute kennen in vergangenen Kriegen verankert sind, da in diesen viele Männer als Soldaten rekrutiert wurden und auch gefallen sind, sodass Frauen nicht nur nicht mehr auf sie angewiesen sein konnten, sondern auch ihre Stellen in Berufen einnehmen mussten und konnten. Doch der Krieg ist vermutlich ein Zustand, in dem kein Gesellschaftsmodell funktioniert. Anders ist es mit Scheidungen, die immer populärer werden. Das Patriarchat lebt mehr oder minder von der Ehe: Ganz klischeehaft arbeitet der Mann und sorgt für Geld, während die Frau sich um die Kinder und den Haushalt sorgt. Kommt es zu einer Scheidung funktioniert dieses Modell nicht mehr, der Frau fehlt das Geld, dem Mann die saubere Wäsche (ein bisschen Humor muss sein).

Feminismus ist für mich vor allem ein Streben nach Gleichberechtigung und viel mehr: Nach Selbstbestimmung. Für mich ist Selbstbestimmung einer der wichtigsten Aspekte der Menschenwürde. Jeder Mensch sollte das Recht haben, zu entscheiden, ob er mit einem anderen Menschen Sex haben möchte oder nicht, ob er Kinder bekommen möchte oder nicht. Welchen Beruf er ausüben möchte. Und wahrscheinlich auch: Was er anziehen möchte. Für uns Europäer ist das fast selbstverständlich. Für andere ist es das nicht. Bei uns nennt man Sex gegen den Willen einer Person Vergewaltigung und sie wird rechtlich verfolgt. Und ja, auch Männer können vergewaltigt werden, und das ist genau so schlimm wie anders herum! Bei uns ist Verhütung erlaubt. Und sogar Abtreibungen. Bei uns dürfen wir Bildung genießen und fast jeden Weg einschlagen. Wir dürfen sogar Ethnologie und Buchwissenschaften studieren, denn wir sind auch in unserem Scheitern frei. Und das finde ich wundervoll, dass ich das alles darf und kann. Und andere Mädchen in anderen Teilen der Welt dürfen das nicht.

Feminismus bedeutet für mich deswegen vor allem, jenen anderen Mädchen zu helfen, dieselben Rechte, die ich zurzeit genieße zu erlangen. Das ist selbstverständlich viel wichtiger als andere Lappalien. Doch ich habe zuvor über Gerechtigkeitssinn gesprochen. Und es ist ungerecht, dass man für dieselbe geleistete Arbeit ein anderes Gehalt bekommt, nur weil man eines anderen Geschlechtes ist. Ich möchte nicht besser behandelt werden. Ich möchte keine Frauenquote, die mir Vorteile verschafft. Ich möchte den gleichen Lohn für die gleiche Leistung. Und ich möchte auch andersherum, dass Männern die Vorteile genießen dürfen, die Frauen zurzeit haben. Ich möchte, dass Männer nach der Scheidung ihre Kinder noch sehen dürfen, wenn sie das möchten. Ich möchte, dass Männer in den Vaterschutz gehen können. Das ist für mich Feminismus.

Das Problem ist nun, dass ich als junges Mädchen mehr und mehr das Gefühl bekomme, dass der Feminismus unbeliebter wird. Und wie es eben bei jungen Menschen ist, uns liegt sehr viel daran, was andere Menschen über uns denken. Wir wollen beliebt und insgeheim geliebt werden. So kommt es, dass es für mich einen bitteren Beigeschmack hätte, eine Feministin genannt zu werden, obwohl ich mit diesem Begriff nur positives verbinde. Das klingt so nach: „Emanze“ oder „Kampflesbe“ oder „die hat bestimmt ihre Tage“. Und Sexismus nervt. Denn er ist anstrengend. Es ist anstrengend immer auf seine Sprache zu achten. Und wir alle haben unsere Triebe. Ebenso viel Spaß wie es macht einer Frau auf den Hintern zu sehen oder unter Freunden zu beschließen welche Schauspielerin in der Serie die geilsten Titten hat, so wenig Spaß macht Feminismus. Ich verstehe das. Doch das ist nicht alles. Feminismus ist ein Kampf um die Rechte der Frauen, der daraus entwächst, dass Frauen sich in ihren Rechten benachteiligt fühlen. Das bedeutet, die Frau kämpft um mehr Rechte für sich selbst. Es sollte dabei jedoch der Wille bestehen so lange für mehr Rechte zu kämpfen, bis dieselben Rechte für alle gelten, und nicht der Wille die Frau höher als den Mann zu stellen. Wie schon eben erwähnt stammen die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau außerdem aus einem gewissen Rollenmodell. Die Frau hatte in diesem nicht Nichts. Zurzeit gibt es ein Bestreben der Frau danach die damalige Rolle des Mannes einnehmen zu dürfen. Ebenso sollte der Mann die damalige Rolle der Frau einnehmen dürfen, und ich sage absichtlich dürfen, nicht müssen. Denn auch diese Rolle kann Vorteile bergen. Und auch wie schon oben genannt müsste das bedeuten, dass es selbstverständlicher wird, dass Männer das Sorgerecht für ihre Kinder nach der Scheidung erhalten, wenn sie es verdienen, und dass sie in den Vaterschutz gehen. Würden stets beide Eltern gleichermaßen, nacheinander für kurze Zeit ihre Arbeit unterbrechen um sich um das neugeborene Kind zu kümmern, gäbe es gar keinen Grund mehr Frauen in der Arbeitswelt zu benachteiligen, weil sie wegen Kindern ausfallen könnten.
Ein weiteres mit dem Feminismus einhergehendes Problem ist, dass die Rollenverteilung unklar wird. Es gibt nicht mehr eine richtige Art und Weise zu leben, jeder darf für sich selbst entscheiden, wie er sein Leben, seine Beziehung, seine Familie und seine Arbeit gestalten will. Für die Individuen selbst bedeutet das jedoch, dass sie manchmal nicht mehr genau wissen wo sie stehen. So etwa verunsicherte, verzweifelte Männer, sie sich nicht trauen eine Frau leidenschaftlich zu begehren, weil sie kein „Sexist“ sein wollen, weil sie kein „Arschloch“ sein wollen. Natürlich sollte die Frau nicht zum Objekt degradiert werden. Menschen sind keine Spielzeuge. Aber es muss doch möglich sein, miteinander Spaß zu haben und sich gegenseitig Lust zu bereiten. Es gibt Familien in denen doch die Mutter sich um das Kind kümmert, sich jedoch beklagt, dass der Mann nicht genug im Haushalt tut, dieser wiederum schafft es nicht all seine Pflichten zu erfüllen. Ich habe das Gefühl, dass sich zurzeit etwas auf der Seite der Männer tut. Wer weiß, vielleicht erwächst daraus eines Tages eine Gegenbewegung zum Feminismus.

Es hat sich etwas verändert, Rollen haben sich verschoben, und das ist verwirrend und kompliziert. Vermutlich ist das beste Gegenmittel, viel miteinander zu kommunizieren, gerade in Beziehungen darüber zu reden wo man steht. Den Partner nicht mehr als ein Produkt anzusehen, das Mängel hat, und das man ersetzen kann, sondern sich wieder mehr für den Menschen dahinter zu interessieren. Und zu guter Letzt: Den Egoisten zu bekämpfen, der in uns allen steckt, und so objektiv, gemeinsam nach Gerechtigkeit zu streben. Ich habe mal gehört, dass der beste Weg um Feminismus zu bekämpfen, derjenige ist mit ihm (um seine Ziele) zu kämpfen. Denn an dem Tag an dem es keine Ungerechtigkeit mehr gibt, wird es auch keine nervigen Menschenbewegungen mehr geben.

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